Samstag, 19. September 2015

Erklärungswahl: Eichelhäher oder Vogel?

12 Monate alte Kinder mit Detailvorliebe haben einen größeren Wortschatz mit 18 Monaten als "kategorisierende" Kinder.

Sketchnote: J. Meyer

Wer Kindern einen Eichelhäher zeigt, steht schnell vor der "Erklärungs-Wahl":

1) Die präzise Erklärung mit Hintergrund ohne Kategorie:
"Das ist ein Eichelhäher. Der ist hier, weil hier so viele Eicheln herumliegen. Die mag der Eichelhäher so gerne."

2) Die rein kategoriesierende Erklärung: 
"Das ist ein Vogel. Siehst Du die Flügel? Damit kann der Vogel fliegen, so wie der Vogel dort auch." (Zeigen auf Amsel)

3) Die präzise Erklärung: 
"Das ist ein Eichelhäher. Danneben ist eine Amsel. Beides sind Vögel, die fliegen können."

4) Die persönliche Erklärung präzise, ggf. mit Kategorie:
"Das ist ein schöner großer Vogel. Er ist ganz besonders schön mit der blauen Feder. Deine Schwester hat mal so eine blaue Feder gefunden. Schau einmal wie der Vogel hüpft. Toll oder? Das macht er wie früher manche Dinos. Das ist übrigens ein Eichelhäher. Den mag ich besonders gerne... oh, wie schnell der landet".

5) Die beobachtende kategorisierende Erklärung mit Motorikeinsatz:
"Guck einmal der Vogel. Der kann fliegen (Eltern flattern mit den Armen). Kannst du das auch? (Kind wedelt mit den Armen). Jetzt sind wir auch Vögel oder? Ui, ob der Ast den kräftigen Vogel aushält? Was meinst du? Puh, aber der kann ja wegfliegen und fällt nicht auf den Po. (Kind lässt sich fallen und lacht)"

usw. 

Diese Auflistung ließe sich mit beliebigen Kombinationsmöglichkeiten fortsetzen. Jeder findet sich dort irgendwie wieder. Die persönliche Erklärung manchmal mit Kategorie, manchmal präzise, ganz nach Situation, hat es mir zugegebenerweise besonders angetan.

Nebenbei gehen mir aber auch Überlegungen aus dem Mathematikunterricht, der Mengenlehre durch den Kopf. Bringe ich meinem Kind besser erst einmal die grobe Kategorie bei? Ist es wichtig, diese Kategorie bspw. "Vögel" schon zu bilden? Oder sollte ich ruhig schon mehr ins Detail gehen und Kategorien, Kategorien sein lassen? Interessiert das ein 12 Monate altes Kind überhaupt schon? Überfordere ich es mit zu viel Details?

Wie auch immer, Sprechen soll schließlich Spass machen, also bleibe ich bei der persönlichen Erklärung, manchmal auch mit Motorikeinsatz.

Die mit 12 Monaten stärker kategoriisierenden Kinder haben mit 18 Monaten einen kleineren Wortschatz als die präziser sprechenden Kinder



Mich freut es, dass Forscher sich mit dieser, mir immer wieder im Kopf schwebenden, Frage nun beschäftigt haben: Laut einer aktuellen  amerikanisch-schweizerischen Studie können diejenigen Kinder, die mit 12 Monaten das präzisere Sprachverständnis haben und weniger kategorisieren, mit 18 Monaten mehr Wörter verstehen und sprechen, als diejengen Kinder, die stärker kategorisieren.

Das Forscher-Team um Brock Ferguson von der Psychologischen Fakultät der Northwestern University hat hierzu (leider nur) 24  Kinder im Zeitraum zwischwen dem 12. und 18. Lebensmonat beobachtet und kam zu diesem teils überraschenden Ergebnis. Was Ursache und was Wirkung ist, ist dabei noch unklar. Es stellt sich die Frage, ob bestimmtes Verhalten der Eltern zu bestimmtem Lernverhalten der Kinder führt oder ob die Kinder von sich aus bspw. eher "Kategorisierer" oder aber "Detailverliebte" sind. Vielleicht ist es aber auch ein Wechselspiel aus Erlerntem und Angeborenem.

Das Ergebnis der Studie von Brock Ferguson und seinem Team überraschte insofern, da ein Kind, das Kategorien schnell bliden kann, schließlich auch viel gelernt hat und man annehmen könnte, dass es auch sprachlich im Vorteil sein müsste. Bezüglich des Wortschatzes ist es in diesem Fall aber anders. Die Detailvorliebe zahlt sich bzgl. des Wortschatzes aus. Dennoch ist die kognitive Leistung, sowohl einen Eichelhäher als auch bspw. einen Strauß als "Vogel" zu erkennen bei den "Kategorisierern" unter Umständen bereits vorhanden.

Dennoch schließe ich mutig aus der Studie: Wir können ganz beruhigt, Babies Eichelhäher-Details zumuten. Vielleicht hilft es dem Wortschatz auf die Sprünge. Die Kinder melden sich gewiss, wenn es langweilig wird... .

Quelle:
http://journal.frontiersin.org/article/10.3389/fpsyg.2015.01319/full





Montag, 22. Juni 2015

Biologische Diskriminierung?

Der Chronobiologe Till Roenneberg äußerte sich zum einheitlichen Unterrichtsbeginn aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland um 8 Uhr morgens gegenüber der Süddeutschen Zeitung mit den Worten

"Das ist eine biologische Diskriminierung."

 

Mir persönlich erscheinen die Worte des bekannten Chronobiologen etwas extrem. Die Bezeichnung "Diskriminierung" ist zwar korrekt gewählt im Sinne der Benachteiligung einiger Gruppen, jedoch ungewohnt scharf in einem solchen Zusammenhang. Ich stimme ihm aber weitgehend inhaltlich zu. Eine Diskussion zu angepassten Schulzeiten sollte gestartet werden. Anstatt das Thema im Detail auszuführen, habe ich mich für folgende Sketchnote entschieden:






Sonntag, 10. Mai 2015

Okay! Ich warte, dann gibt's gleich mehr!

Selbststeuerung bei Kindern.
Ein Thema wird immer populärer in neurowissenschaftlichen Kreisen:
Die Selbststeuerung oder auch Selbstregulation oder wie früher Selbstbeherrschung.

Der Freiburger Neurobiologe Joachim Bauer veröffentlichte aktuell sein Buch mit dem Titel "Selbststeuerung - Die Wiederentdeckung des freien Willens". Das Buch ist eine Ode daran, Anstrengungen auf sich zu nehmen für längerfristigen persönlichen Erfolg und erfüllende soziale Beziehungen. Die Mai-Ausgabe der Zeitschrift Eltern widmet eine ganze Seite dem Interview mit ihm. Verena Carl entlockt Joachim Bauer einige Einblicke in sein neues Werk (2).

Selbststeuerung passiert im Frontalhirn

Auch andere Neurowissenschaftler widmeten der Selbststeuerung in der Vergangenheit immer mehr Aufmerksamkeit. Dabei wird Selbststeuerung als Funktion unseres Stirnhirns (auch Frontalhirn oder präfrontaler Cortex genannt) verortet. Im Frontalhirn laufen komplexe Sinneseindrücke und Impulse aus früher ausgereiften Hirnregionen zu einem Gesamtbild zusammen. Daraus entwickeln wir teils komplexe Handlungsabläufe. Der bekannte Neurowissenschaftler Gerald Hüther schreibt hierzu:
"Unser Frontalhirn ist die Hirnregion, in der wir uns am deutlichsten von Tieren unterscheiden. Und es ist die Region, die in besonderer Weise durch den Prozess strukturiert wird, den wir Erziehung und Sozialisation nennen." (3)

Das Frontalhirn ist bei Kindern noch nicht so stark ausgereift

Bei Kindern ist das Frontalhirn im Vergleich zu anderen Regionen noch nicht so gut ausgereift. Erst mit 18-24 Monaten ist der Bereich "betriebsbereit". (2)  Zudem ist das Frontalhirn besonders anfällig bei Ermüdung und bei Abfall des Blutzuckerspiegels. Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer verweist in seinem Buch "Digitale Demenz" auf eine Studie, die den Zusammenhang zwischen urteilsfähigkeit und Blutzuckerspiegel bei Richtern nachwies und argumentierte, dass dieser Einfluss auf die Frontalhirnaktivität bei Kindern noch stärker zu vermuten sei, da deren Frontalhirne noch weniger ausgebildet sein.

Fehlende Selbstkontrolle löst Stress aus und steht Schulerfolg im Weg...

Doch wozu benötigen wir Selbststeuerung als Verhalten? Fehlende Selbststeuerung führt zwangsläufig zu Stress: Informationen treffen uns ungefiltert, unsere Aufmerksamkeit wandert von einem zum nächsten Thema genauso wie unsere Wünsche. Zudem ist es ohne Selbststeuerung kaum möglich, mittel- oder langfristige Ziele zu erreichen bzw. Freundschaften zu halten. Joachim Bauer zitiert zudem im Eltern-Interview die berühmte Studie zum späteren Schulerfolg derjenigen Vierjährigen, die bereit waren, auf eine sofortige Süßigkeit zu verzichten, um später zwei Portionen zu erhalten.

Kann Selbststeuerung überhaupt erlernt werden? 

Es stellt sich die Frage, ob Selbststeuerung erlernt werden kann oder ob dieser wenig greifbare "Lernbereich" nur nebenbei "abfällt". In den folgenden acht Punkten habe ich einige aktuell empfohlenen und größtenteils nachgewiesenen Strategien der renommierten Neurowissenschaftler zusammengefasst:

1) Die Fähigkeit vorleben! Dort, wo es nicht gelingt, darf man aber ehrlich sein und Fehler zugeben. Also bspw. die eingehende SMS erst nach dem gemeinsamen Buch mit dem Kind lesen, sofern keine dringenden Informationen erwartet werden. (u.a. Joachim Bauer, Gerald Hüther)

2) Gut und gesund frühstücken, um den morgentlichen Blutzuckerabfall zu verhindern. (Manfred Spitzer)

3) Fernsehen, vor allem mit schnell wechselnden Szenen und Computerspiele lösen nachweislich Aufmerksamkeitsstörungen aus. Selbssteuerung ist das Gegenteil von Aufmerksamkeitsstörungen. (Manfred Spitzer)

4) Kinderwünsche ernst nehmen! Gibt es Gründe, dass ein Wunsch nicht oder später erfüllt werden kann, dann ist eine kurze und klare Begründung angesagt. Das Kind lernt bestenfalls, dass sich Warten lohnt.

5) Aussprüche wie "Konzentrier Dich!" "Sei vernünftig!", "Reiß Dich zusammen!" bringen nichts. Da schalten die Kinder ab. Sie fühlen sich unter Druck gesetzt und können u.U. mit den Begriffen nichts anfangen (Gerald Hüther).

6) Übermäßiges (materielles) Loben vermeiden. Das Kind lernt sonst nicht aus eigenem Willen sich zu regulieren. (Gerald Hüther)

7) Übertriebene Ansprüche an das Kind führen u.U. zu Angst und Misserfolg.

8) Spielräume schaffen, um Selbststeuerung zu lernen. Entscheidungsspielräume zu Freizeitaktivitäten oder Süßigkeitenkonsum können "Aha-Effekte" bewirken. Frustrationen können ausgehalten werden, um spätere Erfolge besonders wertzuschätzen.

Quellen: 
1 Joachim Bauer: Selbststeuerung - Die Wiederentdeckung des freien Willens.
2 Zeitschrift Eltern. Ausgabe Mai 2015. S.32. Interview Verena Carl mit Joachim Bauer.
3 Gerald Hüther, Cornelia Nitsch: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden.
4 Manfred Spitzer: Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen.

Dienstag, 7. April 2015

10 Elternerfahrungen mit der Känguru-Methode

Känguru-Methode: Besser selbst dabei nicht schlafen.

Skin-to-skin, also Haut-auf-Haut liegt das Baby bei der Känguru-Methode. Die Methode hat bei Neugeborenen zahlreiche belegte positive Effekte. Besonders bei Frühgeborenen kommt das "kangarooing" zum Einsatz. 

 

Väter haben mit dem Kind Haut-auf-Haut die Chance, die ersten Stunden ganz nah und aktiv dabei zu sein. 

 

Doch welche Erfahrungen machen Eltern beim "kangarooing"?


Emma berichtet in ihrem Blog "The Mom in Me, MD", nicht ohne stolz, wie sie neun Wochen lang in der Frühgeborenenstation, ihrem Baby mit der Känguru-Methode, Wärme und Geborgenheit geboten hat.

Gleichzeitig warnt sie ihre Leserschaft vor dem plötzlichen Kindstod und empfiehlt, die Känguru-Methode in die Tagesroutine einzubauen, wenn die Eltern selbst wach sind.


Bloggerin Emma empfielt Känguru-Methode in die Tagesroutine einzubauen.

 

Tatsächlich raten Experten schon lange, Kinder nicht im Elternbett schlafen zu lassen (bspw. Präventionskampagne des Landeszentrums Gesundheit Nordrhein-Westfalen). Daher wird von der Kängeruhmethode mit schlafendendem Elternteil ohnehin abgeraten.

Eine Schwedische Forschergruppe um Agneta Anderzén-Carlsson von der Örebro Universität hat bestehende Studien über die Erfahrungen der Eltern bei der Känguru-Methode betrachtet und die Ergebnisse zusammengefasst. Dabei haben sie u.a. von folgenden 10 stärkenden und belastenden Eltern-Erfahrungen berichtet:

10 Eltern-Erfahrungen bei der Känguru-Methode:


1) Kangarooing baut Eltern auf. Es wirkt wie ein Stärkungsmittel für die Eltern und bereitet sie darauf vor, die volle Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen. Es gibt den Eltern das Gefühl, wichtig zu sein für ihr Kind und bereitet die Klinikentlassung vor.

2) Eltern berichten, dass die Känguru-Methode nicht nur die Bindung zum Kind erhöhe, sondern auch zum Partner. Die Zusammengehörigkeit als Familie wurde stärker empfunden.

3) Einige Eltern fühlten sich aber auch vor Klinikpersonal oder Besuchern bloßgestellt durch fehlende Privatsphäre.

4) Manche Eltern fühlten sich körperlich eingeschränkt oder belastet durch das intensive kangarooing vor allem während der Nacht.

5) Väter, die aus organisatorischen Gründen von der Känguru-Methode abgehalten wurden, fühlten sich frustriert und hilflos, da sie nicht - wie gewünscht - mit ihrem Kind interagieren konnten.

6) Obwohl sich manche Eltern bloßgestellt fühlten, schätzten diese meist dennoch das kangarooing als wichtig ein. Sie beschrieben unter anderem die Känguru-Methode als gut für die kindliche Entwicklung und für das Aufbauen des Stillens.

7) Eltern empfinden die Kängeruh-Methode als Möglichkeit, ihr Kind zu beschützen, bspw. auch vor Infektionen. Sie berichten, den Eindruck zu haben, dass das Kind sich so sicherer fühle.

8) Manche Eltern berichten, dass die Kängeru-Methode für sie auch belastend gewesen sei, da sie sich sorgten, das Kind zu verletzen.

9) Einige Eltern sorgten sich, ob die Methode Geschwisterkinder emotionell verletzen könne, die sich zurückgesetzt fühlten.

10) Eltern berichten, dass die Känguru-Methode helfe, sich emotionell zu erholen bspw. von der Erfahrung einer Frühgeburt.

 

Die Känguru-Methode als Chance für Väter.


In den Studien wurden zusammengenommen 401 Mütter und 94 Väter befragt. Väter berichten häufiger, dass sie die Methode nicht gerne vor Klinikpersonal durchführten, sondern bspw. lieber zu Hause. Gleichzeitig berichten sie, dass sie sich frustriert fühlten, wenn sie von Personal abgehalten wurden.

Insbesondere bei Kaiserschnittgeburten haben Väter häufig zuerst die Chance, dem Kind nah zu sein, manchmal noch vor der Mutter.

Leider sind Väter derzeit in den Studien zur Känguru-Methode unterrepräsentiert.

Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht? Ich freue mich über jeden Bericht.


Quellen:
Emmas Blog The Mom in Me, MD

Sicherer Babyschlaf: Präventionskampagne NRW

 Anderzén-Carlsson et al. (2014): Parental experiences of providing skin-to-skin care to their newborn infant--part 1: a qualitative systematic review.

Anderzén-Carlsson et al. (2014): Parental experiences of providing skin-to-skin care to their newborn infant - Part 2: A qualitataive systematic review

Sonntag, 15. März 2015

Loben! Loben!! Zu viel gelobt???

Folgen der Überbewertung des eigenen Kindes...?

Wir alle loben unsere Kinder dafür, tolle Bilder zu malen, den eigenen Namen zu schreiben, den Tisch abzuräumen, ein trauriges Kind zu trösten, dem kleinen Geschwister zu helfen, die Jacke anzuziehen, "Erster" zu sein, tapfer zu sein, beim "Letzter" sein, mutig zu sein, beim ersten Kindergeburtstag... und das ist auch gut so und passiert ganz aus dem Bauch heraus.

Unser Gefühl sagt uns ganz klar, "Lob baut auf", "macht stark", "muss sein" und macht Eltern und Kindern auch Spass. Aber irgendwie ist uns auch klar: "Mit Lob steuern wir unser Kind."

Einem kleinen Mädchen immer wieder zu sagen, wie schön oder niedlich es ist, wird es darin bestärken, dass es auf das Schönsein und Niedlichsein ankommt. Das tun glücklicherweise die Wenigsten von uns ... oder doch etwa? Einem Mädchen immer wieder zu sagen wie klug es ist, wird es überzeugen, dass es klug ist, auch ohne etwas dafür zu tun. Aber einem Kind nie zu sagen, dass es schön ist, hat vielleicht auch Folgen. Es kommt also ganz klar darauf an, wie oft, wie und was gelobt wird.

Wie viel Lob ist gut? Welches Lob ist gut für unser Kind?


Neuere Forschung, Medien und Eltern beschäftigen sich zurzeit genau mit diesen Fragen: "Wieviel und welche Art Lob ist gut für unsere Kinder?"

An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich für die tolle Diskussion auf Twitter mit @MamamaniaBlog, @Papa_mit_Hut, @gutekinderstube und @lukaano!

Hier fasse ich mal in Stichworten aktuelle Erkenntnisse und vorherrschende Meinungen zusammen:

1) Zu viel Lob kann ungünstigen Einfluss haben. Kinder, die im Vergleich zu Altersgenossen sehr viel gelobt wurden, entwickeln eher narzisstische Persönlichkeitszüge als diejenigen die etwas weniger gelobt wurden. Zudem kann ständiges Lob wie eine ständige Bewertung wirken und ggf. Perfektionsdruck aufbauen.

2) Überbewertung des eigenen Kindes kann bei Kindern zu selbstbezogenen Denkweisen führen. "Mein Kind verdient etwas Besonderes..." steht häufig in Zusammenhang zu "Ich bin anderen überlegen"

3) Kinder wollen vor allem Aufmerksamkeit. Nicht immer ist ein Lob notwendig, sondern Zuwendung und Auseinandersetzung. Ein Kind freut sich manchmal mehr darüber, erklären zu dürfen, was es gemalt hat und warum, als über ein "Toll gemacht!" oder "Super!".

4) Eltern, die Anstrengung loben, unterstützen das Durchhaltevermögen und Selbstbewusstsein von Kindern. Es scheint also günstiger zu sein, ein Kind für eine Anstrengung zu loben oder prozessorientiert zu loben, als für einen "kleinen Geniestreich".

5) Aufbauende Kritik ist auch wichtig. Kritik kann gut verpackt sein und Lob kann auch vergiftet sein.... "Jetzt hast Du es ja doch noch geschafft "Danke" zu sagen, siehste geht doch..." (O-Ton Spielplatz) ist zwar ein Lob, aber würdigt das Kind nicht gerade.
Wenn etwas Zeit vorhanden ist: "Bei dem Hasen ist das schwierig, die Beine zu malen oder? Sollen wir das mal zusammen ausprobieren?"

6) Authentisch und konkret gelobt ist hilfreicher als pauschal und als Technik, um bestimmtes Verhalten zu erwirken und zu steuern. Langfristig durchschauen Kinder das...
 
Ich freue mich über Eure Ergänzungen, Kritik und Meinungen zu dem kontroversen Thema!

Quellen:
http://www.pnas.org/content/early/2015/03/05/1420870112

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/cdev.12064/abstract

http://www.faz.net/aktuell/wissen/narzissmus-und-der-gute-freud-kinder-wie-ich-verdienen-etwas-besonderes-13474927.html

http://www.t-online.de/eltern/kleinkind/id_62127664/erziehung-falsches-loben-kann-kindern-schaden.html

http://news.uchicago.edu/article/2013/02/12/parents-who-praise-effort-can-bolster-children-s-persistence-self-belief

http://www.spiegel.de/spiegelwissen/kinder-brauchen-motivierendes-lob-und-aufbauende-kritik-a-955404.html

Freitag, 20. Februar 2015

Babyschlaf und Gedächtnis: Dr. Sabine Seehagen im Gespräch!

Dr. Sabine Seehagen

Dr. Sabine Seehagen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Mit ihrer aktuellen Studie zur Gedächtnisbildung bei Säuglingen sorgte sie gemeinsam mit ihrem Team für internationales Aufsehen.



NeurofuerEltern:
Für uns Eltern ist Schlaf vor allem bei Babies und Kleinkindern ein ganz großes Thema.
Was passiert denn, wenn Babies schlafen?


Seehagen: Der Schlaf besteht bei Kindern und Erwachsenen aus verschiedenen Phasen. Man
unterscheidet dabei grundsätzlich zwischen R.E.M. und nicht-R.E.M.-Schlaf. Im R.E.M. Schlaf haben die Kinder zum Beispiel mehr Muskelspannung und da wird auch geträumt. Im nicht R.E.M. Schlaf ist das Kind still und die Augen bewegen sich nicht. Hier werden dann vier Stadien unterschieden: Bei Stadium drei und vier spricht man von Tiefschlaf. Im Tiefschlaf sieht man ganz ruhige Wellen(slow-waves) im EEG. Man geht davon aus, dass in den unterschiedlichen Stadien unterschiedliche Gedächtnisprozesse aktiv sind.

NeurofuerEltern: In dieser Tiefschlafphase passiert bei Säuglingen dann etwas ganz Spannendes?

Seehagen: Aus der Erwachsenenforschung weiß man, dass unterschiedliche Gedächtnisformen, z.B. Ereignisse und Fakten (sogenanntes deklaratives Wissen) oder bestimmte Fähigkeiten, motorische Routinen (nicht deklaratives Wissen) auf verschiedene Weisen abgespeichert werden. Das deklarative Wissen, das wir in der aktuellen Studie erfasst haben, wird vor allem in der Tiefschlafphase verarbeitet.

„Nur Kinder die mindestens eine halbe Stunde im Zeitfenster von vier Stunden nach Gelerntem schliefen, erinnerten sich an die Handlungen.“


NeurofuerEltern: Erzählen Sie uns von Ihren Ergebnissen…

Seehagen: Wir waren inspiriert von der Forschung, die seit Jahrzehnten bei Erwachsenen stattfindet, bei der festgestellt wurde, dass wenn man etwas lernt und dann darüber schläft, sich an mehr erinnert als ohne anschließenden Schlaf. So etwas Ähnliches haben wir versucht, mit kleinen Kindern umzusetzen. Wir haben die sechs und 12 Monate alten Kinder Etwas kindgerecht lernen lassen, indem wir ihnen Handlungen mit Handpuppen gezeigt haben. Ein Teil der Kinder hat in den folgenden vier Stunden mindestens eine halbe Stunde geschlafen und die andere Hälfte nicht, bzw. weniger als eine halbe Stunde. Dann haben wir geschaut, was machen sie von den Handlungen nach, die wir gezeigt haben. Wir haben herausgefunden, dass nur die Kinder, die mindestens eine halbe Stunde geschlafen haben, sich dann auch im Vergleich zur Kontrollgruppe mehr an die Handlungen erinnert haben. Das war sogar auch zu einem späteren Zeitpunkt der Fall. An dem darauf folgenden Tag, an dem dann alle Kinder geschlafen hatten, konnten weiterhin nur die Kinder sich erinnern, die unmittelbar innerhalb von vier Stunden nach dem Gelernten geschlafen hatten. Das deutet darauf hin, dass der Schlaf direkt nach dem Lernen sehr wichtig ist.

NeurofuerEltern: Ist das nur bei Babies so oder auch bei älteren Kindern und Erwachsenen?

Seehagen: Es gibt auch Hinweise darauf, dass der anschließende Schlaf nach Gelerntem für Erwachsene gut ist. Man weiß aber noch nicht so viel über die Zeitfenster. Es gibt auch Studien mit Kindergartenkindern, in denen gezeigt werden konnte, dass ein Nickerchen nach dem Lernen gut ist. Man geht davon aus, dass die Erinnerungen im Schlaf von einem temporären in einen Langzeitspeicher übertragen werden. Die Autoren gehen davon aus, dass der temporäre Speicher bei Kindern noch nicht so groß sei, so dass Kinder häufiger schlafen müssen. Das macht natürlich Sinn, da vor allem Säuglinge sehr häufig und viel im Tagesverlauf schlafen. Es ist aber nicht so klar, wie lange wir warten können, bis wir schlafen, um uns zu erinnern. Erwachsene haben sicher ein größeres Zeitfenster. Wir erinnern uns auch an Dinge, die wir morgens gelernt haben am Folgetag.

NeurofuerEltern: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihren Ergebnissen für Kinder, die teilweise ja auch schon vor dem ersten Lebensjahr in öffentlichen Einrichtungen betreut werden, aber auch für Kinder im häuslichen Umfeld?

Seehagen: Das ist schon sehr spekulativ direkte Schlussfolgerungen zu ziehen. Zunächst haben wir den Befund, dass Schlaf der Erinnerung hilft. Jedes Baby hat ja auch unterschiedliche Bedürfnisse. Manche schlafen von Anfang an sehr wenig, manche ganz häufig. Man kann als Eltern da gar nicht besonders lenken. Das wollen wir auch nicht vermitteln. Aber was wir (sehr spekulativ) gedacht haben, ist, dass man gegebenenfalls davon absehen könnte einen zu sehr geregelten Tagesablauf zu haben und vorauszusehen wann das Baby schläft. Vielleicht sollte man dann gegebenenfalls auch mal ein Auge zudrücken und den geregelten Tagesablauf, wenn beispielsweise viel los war, sein lassen. Vielleicht braucht das Gedächtnis jetzt erst einmal eine Pause und muss verarbeiten bevor es weiter gehen kann. An Tagen, an denen nicht so viel los war, könnten eventuell die Kinder länger wach bleiben. Den Tagesablauf mit seinen Schlafphasen immer gleich zu halten, könnte aus der Gedächtnisperspektive schwierig zu vertreten sein.

„Den Tagesablauf mit seinen Schlafphasen immer gleich zu halten, könnte aus der Gedächtnisperspektive schwierig zu halten sein.“



NeurofuerEltern: Also wäre es sinnvoll, flexiblere Schlafenszeiten auch in Betreuungseinrichtungen zu erlauben?

Seehagen: Ja genau. Das war eine Idee die man verfolgen könnte in zukünftigen Studien. Das direkte Ableiten aus der vorliegenden Studie allein wäre schwierig.
Das andere, was wir uns überlegt haben, ist folgendes: Wenn Kinder gerade geschlafen haben, denken Eltern schnell, dass sie jetzt ausgeschlafen und aufnahmebereit für bestimmte Dinge sind. Aber es wäre nicht verkehrt auch das Ende der Wachphase, wenn Eltern denken, „Jetzt ist es allmählich Zeit schlafen zu gehen“, zu nutzen, denn die Zeit bleibt ganz gut hängen! Aktivitäten wie Bücher lesen könnte man sehr gut abends machen. Das wäre nicht so anstrengend aber eventuell eingängig. Zur Sprachverarbeitung gibt es bei 9 bis 16 Monate alten Kindern eine aktuelle Studie von Manuela Friedrich und ihren Kollegen, die auch die Relevanz des Schlafen nach dem Gelernten belegt.


NeurofuerEltern: Wäre es somit sinnvoll, motorische Dinge eher mit einem ausgeschlafenen Kind durchzuführen und die „intellektuelleren“ Tätigkeiten kurz vor dem Schlafen?

Seehagen: Ja. Das ist eine ganz spannende Frage! Motorische Routinen, die ja nicht deklaratives Wissen darstellen, müssen ja auch im Gedächtnis gespeichert werden. Aber dazu gibt es bei Säuglingen und Kleinkindern noch überhaupt keine Forschung! Die Frage ist auch hier, ob der Schlaf dann schnell kommen muss oder später. Das wird noch spannend sein, das herauszufinden.

„Dazu gibt es bei Säuglingen und Kleinkindern noch gar keine Forschung! Da sind aber einige Arbeitsgruppen dran.“


NeurofuerEltern: Die Frage wäre, ob alles (Motorisches und Sprachfähigkeiten etc.) dann gleichzeitig oder nacheinander zu bestimmten Zeiten im Wachfenster gelernt werden müssen…

Seehagen: Es könnte auch sein, dass das nicht-deklarative Gedächtnis ein größeres Zeitfenster erlaubt. Meines Wissens ist das ein ganz neues Gebiet, weil es nicht so leicht ist, geeignete Aufgaben mit den Kindern durchzuführen. Da sind aber einige Forschungsgruppen dran. Da wird es sicher interessante Ergebnisse in den nächsten Jahren geben. Im Januar ist bspw. erst eine Studie zu Sprachwissen und Gedächtnisbildung erschienen.

NeurofuerEltern: Warum haben Sie die Versuche mit den Babies im häuslichen Umfeld durchgeführt? Das ist ja schon ein besonderer Versuchsaufbau, der nicht so häufig vorkommt? Was war das Spannende dabei?


„Ich bin seit fast 10 Jahren in der Babyforschung und finde es faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die Babies sind.“


Seehagen: Wir haben gedacht, dass Hausbesuche sich am besten in den Tagesablauf einbetten. Da wir die Babies zweimal sehen, ist das ja auch ein größerer Aufwand für die Eltern. Zudem schlafen Babies im Auto sehr gerne ein… . Ich bin jetzt seit fast 10 Jahren in der Babyforschung dabei und finde es faszinierend, zu sehen wie unterschiedlich die Babies von klein auf sind. Das hat nichts mit „normal“ oder „unnormal“ zu tun, sondern ist einfach eine Wahrnehmung: Die Spannbreite ist riesig. Die einen können schon ganz früh krabbeln, die andern plappern ganz früh, manche sind ganz schüchtern, manche ganz lebhaft und wenn man sie dann ein paar Monate später sieht, denkt man „da hat sich so viel getan“. Das hat zwar nichts mit der Studie zu tun, aber meine Erfahrung bei der Beobachtung ist, dass sich ganz viele Dinge, die die Eltern sorgen, ganz von allein mit der Zeit ergeben.


Quellen:
S. Seehagen, C. Konrad, J. S. Herbert, S. Schneider (2014): Timely sleep facilitates declarative memory consolidation in infants, PNAS, DOI: 10.1073/pnas.1414000112

Friedrich, M., Wilhelm, I., Born, J., Friederici, A. D. „Generalization of word meanings during infant sleep“. Nature Communications doi:10.1038/ncomms7004
http://www.nature.com/ncomms/2015/150129/ncomms7004/full/ncomms7004.html

Samstag, 7. Februar 2015

Ein ausgeschlafenes Kind lernt mehr?

Handpuppenspieltest zeigt:
Schlaf ist wichtig für die Bildung des Langzeitgedächtnisses
Foto: Dr. J. Meyer 2015
Ein ausgeschlafenes Kind lernt nach einem Mittagsschlaf mehr? Stimmt so nicht. Genau genommen sprechen neueste Forschungsrgebnisse dafür, dass es genau anders herum sein könnte: Ein Kind, das kurz vor dem Mittagsschlaf steht, dessen letztes Schläfchen länger her ist, hat mehr Chancen zu lernen!

Forscherinnen um Dr. Sabine Seehagen (Ruhr-Universität Bochum) zeigten aktuell, dass Kinder im ersten Lebensjahr sich besser an Gelerntes erinnerten, wenn sie kurz nach dem Gelernten mindestens eine halbe Stunde schliefen.

Dazu besuchte das Forscherteam die 216 Säuglinge im Alter von sechs bis 12 Monaten jeweils zwei Mal zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung entweder kurz vor oder nach dem Mittagsschlaf.

Sie spielten den Kindern mit Handpuppen bestimmte Handlungen vor. Beim zweiten Besuch nach vier bzw. 24 Stunden schauten sie, welche Handlungen die Kinder nachahmten.

Handpuppenspieltest: Kinder die nach Gelerntem geschlafen haben, erinnerten sich.


Seehagen und ihre Kolleginnen konnten zeigen, dass Kinder die bis zu vier Stunden nach dem Puppenspiel mindestens eine halbe Stunde schliefen, deutlich mehr Erinnerungen zeigten als Kinder, die in diesem Zeitfenster nicht schliefen. Das Ergebnis trat sowohl nach 4 als auch nach 24 Stunden auf.

Die Kinder mit und ohne Mittagsschlaf nach dem Puppenspiel wurden jeweils mit einer Kontrollgruppe von Kindern verglichen, denen beim ersten Besuch keine Handlungen mit den Handpuppen gezeigt wurden. In dieser Gruppe konnte beobachtet werden, wie die Kinder spontan reagierten, wenn sie die Puppen sahen. Anschließend konnten beide Gruppen mit der Kontrollgruppe verglichen werden.

Die Kinder, die entsprechend geschlafen hatten, zeigten somit gegenüber der Kontrollgruppe mehr Handlungen, die an das Handpuppenspiel erinnerten. Die Kinder, die nicht geschlafen hatten, zeigten gegenüber der Kontrollgruppe ohne Puppenspiel mehr Ähnlichkeit im Verhalten.

 

Schlaf ist wichtig für Langzeitgedächtnisbildung.

 

Die Forscherinnen schließen aus den Ergebnissen, dass der Schlaf nach Gelerntem für die Bildung des Langzeitgedächtnisses äußerst wichtig ist. Doch was bedeuten die Ergebnisse für Eltern und Kitas, die Kleinkinder und Säuglinge betreuen?

Dr. Sabine Seehagen im Gespräch mit NeurofuerEltern


S. Seehagen, C. Konrad, J. S. Herbert, S. Schneider (2014): Timely sleep facilitates declarative memory consolidation in infants, PNAS, DOI: 10.1073/pnas.1414000112